Was ist ein Rollenspiel?

Was ist ein Rollenspiel – eine gute Frage. Zu dem Thema ist schon viel geschrieben worden, z.B. ein Wikipedia-Artikel. In meinen Worten klingt eine Einführung in etwa so:

Ein Rollenspiel ist ein Erzählspiel, Kino zum Mitmachen, ein Brettspiel ohne Spielbrett, Theater im Kopf. Eine Gruppe von Spielern, meist drei bis fünf Personen, verkörpern Charaktere, die in einer fantastischen Welt auf Abenteuer gehen. Sie erleben eine Geschichte und erforschen in ihr gemeinsam alte Ruinen, bezwingen gefährliche Monster oder retten die Welt. Der genaue Verlauf der Geschichte ist dabei nicht vorbestimmt, weshalb den Spielern gegenüber ein Spielleiter sitzt, der die Geschichte je nach Spielstil mehr oder weniger moderiert. Er beschreibt Szenen und Ereignisse, auf welche die Spieler durch ihre Charaktere dann reagieren können. Durch diese Reaktionen beeinflussen die Spieler den Verlauf der Geschichte, und gemeinsam mit dem Spielleiter wird so die Handlung vorangetrieben. Dazu muss man sich übrigens nicht seltsam anziehen oder komisch reden – all das geschieht, während man gemütlich an einem Tisch oder am Sofa im Wohnzimmer sitzt.

Damit die Geschichte und die beschriebenen Taten der Charaktere nicht der Willkür unterliegen, beschreibt ein Regelwerk den Spielraum, der Spielern und Spielleiter zur Verfügung steht. Niemand weiß genau, wie sich eigene Handlungen langfristig auswirken werden, denn zum Einen entscheidet oft ein Würfelwurf über Erfolg und Misserfolg, zum Anderen verändern die Taten anderer Charaktere die Situation ständig.

Die Rahmenhandlung, innerhalb der sich die Charaktere bewegen, wird Welt oder Setting genannt. Da gibt es für jeden Geschmack etwas: klassische Fantasy mit Elfen, Zwergen und Ringen; Science Fiction mit Raumschiffen und Lichtschwertern; Vampire in New York; viktorianischer Horror in London; Abenteuer im Wilden Westen usw.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass die Charaktere in solchen Settings oft über mehrere Spielrunden hinweg gespielt werden, und man ihre Entwicklung verfolgen kann. Sie werden stärker, besser oder erfahrener. Oder sie entwickeln bzw. überwinden mit der Zeit Persönlichkeitszüge, freunden sich mit anderen Personen oder Wesen in ihrer Welt an, oder verfeinden sich mit diesen.

Dies klingt für Rollenspielneulinge vermutlich etwas verwirrend. Daher …

Ein Beispiel

Lara, Marcel, Tim und Vanessa treffen sich jeden zweiten Donnerstag bei Tim in der Wohnung. In seiner Küche steht ein großer, runder Tisch, an dem alle gemütlich Platz finden. Bereits vor zwei Monaten haben sich Lara die Magierin Magilia, Tim den schlagkräftigen Barbaren Barbos und Marcel den naturverbundenen Waldläufer Wallhar mit Hilfe eines Rollenspiel-Regelwerks erschaffen, d.h. deren Können gemäß den Regeln in Zahlen ausgedrückt und diese auf ein s.g. Charakterblatt eingetragen. Seither erleben sie in diesen Rollen Abenteuer, die sich Vanessa ausdenkt und inszeniert.

Vanessa ist also zurzeit die Spielleiterin und nimmt im Chefsessel Platz. Sie beansprucht einen Teil des Tisches für sich: Sie stellt vor sich einen leeren Büroordner als Sichtschirm auf, damit die anderen ihr nicht unabsichtlich in die Unterlagen und damit in das von ihr vorbereitete Abenteuer schauen können. Hinter dem Sichtschirm kann sie auch hie und da die Würfel befragen, ohne dass die anderen das Ergebnis gleich sehen. Lara, Marcel und Tim nehmen im Halbkreis vor Vanessa Platz. Sie haben vor sich das Charakterblatt ihres Abenteurers, Bleistifte, Radierer, Papier und einige Würfel bereitgelegt.

Auf dem Charakterblatt werden Aussehen, Stärken und Schwächen, Ausrüstung sowie Vermögen jeweils eines der Abenteurer in Wort und Zahl beschrieben. Wer genauer auf die Blätter sieht bemerkt, dass Barbos gut in körperlichen Dingen ist: Die Zahlen verraten, dass er gut kämpfen kann und auch sonst sehr stark ist. Magilia hingegen scheint eher schlau denn stark zu sein und beherrscht zudem einige Zauber, die nur sie wirken kann. Wallhar sieht man an, dass er in der Natur zu Hause ist. Er kennt sich gut mit Tieren aus, versteht sich auf das Kräutersuchen und ist ein guter Jäger.

Nachdem etwas Ruhe in der Küche eingekehrt ist, alle gemütlich sitzen und sich ihre Getränke eingeschenkt haben, ergreift Vanessa das Wort:

Vanessa: “So, dann kann es ja weitergehen. Wisst ihr noch, was letztes Mal passiert ist?”

Lara (Magilia): “Ja, klar! Wir haben von einem reichen Händler den Auftrag erhalten, für ihn den Sonnenrubin zu finden, der sich einer Legende nach in der alten Ruine im Finsterwald befinden soll.”

Marcel (Wallhar): “Genau. Also haben wir unsere Sachen gepackt und sind sofort aufgebrochen. Doch weit sind wir nicht gekommen, denn im Wald haben uns zwei Säbelzahntiger angefallen. Die haben uns ziemlich zugesetzt. Einen konnten wir bezwingen, vor dem anderen sind wir dann – irgendwie – geflohen und in die Höhle von diesem Einsiedler – wie hieß der noch gleich …”

Vanessa und Lara im Chor: “Orgul!”

Marcel (Wallhar): “… diesem Orgul gestolpert. Der hat den Tiger dann verscheucht und uns angeboten, uns zur Ruine zu führen, wenn wir vorher die Maulwürfe aus seinem kleinen, unterirdischen Garten vertreiben.”

Tim (Barbos):Maulwürfe ist gut, das waren Erdelementare!”

Marcel (Wallhar): “Das haben wir aber noch nicht gewusst. Nun, jedenfalls haben wir die letztlich aus der Ferne unter Beschuss genommen, nachdem wir festgestellt hatten, dass sie die Höhle mit dem weichen Boden nicht verlassen können.”

Vanessa: “So war es. Ihr habt dann noch eine Nacht bei Orgul verbracht. Am nächsten Tag bricht er mit euch auf, um sein Versprechen einzulösen. Er führt euch entlang enger Pfade durch das Unterholz. Nach etwa einer Stunde bleibt er vor einer hölzernen Statue stehen und meint: “Weiter gehe ich nicht, denn die Ruine ist verflucht. Folgt dem Pfad noch zehn Minuten, dann solltet ihr da sein.” Danach macht er kehrt und lässt euch allein im Wald zurück. Was tut ihr?”

Tim (Barbos): “Was sollen wir schon viel tun? Weiter! Den Weg entlang!”

Lara (Magilia): “HALT! Das riecht nach einer Falle. Magilia untersucht diese Statue. Wie sieht die denn aus?”

Vanessa: “Die Statue ist kleiner als ein normaler Mensch, wenn auch nicht viel. Sie ist schon etwas morsch, aber man kann noch erkennen, dass sie eine Person darstellt, die mit eng angelegten Händen und nach oben gerichtetem Kopf etwas in den Himmel schreit.”

Lara (Magilia): “Hm, seltsam. Magilia möchte sich das genauer ansehen…”

Vanessa: “Na gut, mach’ mal eine Probe auf Untersuchen, ob Magilia etwas auffällt.”

Lara (Magilia): Würfelt, vergleicht das Ergebnis mit einigen Zahlen auf Magilias Charakterblatt und meint dann: “Ja, ein Erfolg.”

Vanessa: “Dann bemerkst du, dass vom Fuß der Statue ein Stolperseil über den schmalen Pfad gespannt ist. Du weißt zwar nicht, was es genau auslöst, aber es ist vermutlich nichts Gutes…”

Lara (Magilia): “Ich hab’s ja gewusst! Na, dann steigen wir da drüber und folgen dem Pfad. Siehst du, Barbos, du wärst da wieder blindlings reingelaufen.”

Tim (Barbos:) “…”

Vanessa: “Ihr folgt dem Pfad weiter, trefft noch auf zwei weitere Statuen und überschreitet vorsichtig weitere Seile, auf die ihr nun achtet. Nach den angekündigten zehn Minuten weitet sich der Pfad und geht in eine Lichtung über. In ihrer Mitte steht eine etwa 15 Meter hohe, verfallene Pyramide. Auf der Ersten von drei Terrassen, die man über eine breite Treppe erreichen kann, sitzen drei kleine Wesen. Sie sind etwa 1,20 m groß, dicklich und haben helle, haarlose Haut und verschrumpelte Gesichter – es dürfte sich um Gnome handeln. Sie sind in ein Würfelspiel vertieft. Auf der ihnen abgewandten Seite der Pyramide, für euch gerade noch einsehbar, führt ein Gang in das Innere des Bauwerks. Was tut ihr?”

Tim (Barbos): (flüsternd) “Hm. Sollen wir sie im Sturm überwältigen?”

Marcel (Wallhar): (flüsternd) “Blöde Idee. Wir wissen ja nicht einmal, ob die Freund oder Feind sind.”

Lara (Magilia): (flüsternd) “Naja, ich bin vom Säbelzahntiger immer noch etwas angeschlagen – und euch geht es auch nicht viel besser. Wie wäre es, wenn wir kein Risiko eingehen und an denen vorbeischleichen?”

Tim (Barbos): “…”

Marcel (Wallhar): (flüsternd) “Nun, ich könnte auch einfach auf die zugehen und sie charmant nach dem Weg fragen…” Marcel macht eine ausfallende Handbewegung.

Tim (Barbos): (flüsternd) “Dann lieber schleichen.” (laut zu Vanessa) “Gut, ich schleich’ mal vor.”

Vanessa: “Heimlichkeitsprobe!”

Tim (Barbos): Würfelt, vergleicht das Ergebnis mit einigen Zahlen auf Barbos’ Charakterblatt und meint kurz angebunden: “Erfolg!”

Vanessa: “Flink wie ein Wiesel schleicht Barbos, jegliche Deckung ausnutzend, über die Lichtung und kommt unbemerkt beim Eingang an.”

Marcel (Wallhar): “Jetzt ich!” Marcel würfelt und vergleicht das Ergebnis mit einigen Zahlen auf Wallhars Charakterblatt. “Ups! Misserfolg.”

Vanessa: Würfelt ebenfalls, vergleicht das Ergebnis mit einigen Zahlen aus ihren Unterlagen, und meint: “Wallhar ist auf halbem Weg, da knackt ein Ast unter seinen Stiefeln. Die Gnome schauen überrascht auf und sehen den etwas betreten dreinsehenden Waldläufer mitten auf ihrer Lichtung stehen. Ihr bemerkt, dass die Wesen ein beinahe dämonisches Funkeln in ihren Augen haben. Damit kommt es nun zum Kampf!”

Lara (Magilia): “Na sehr super, Wallhar!”

Vanessa nimmt jetzt ein Blatt Papier zur Hand. Sie zeichnet darauf eine grobe Skizze der Lichtung sowie die Standorte von Barbos, Magilia, Wallhar und den drei Gnomen. Die Skizze wird in die Mitte des Tisches gelegt, damit jeder sie gut einsehen kann. Als Nächstes bestimmt Vanessa die Reihenfolge der sechs Kontrahenten, dann dürfen sie reihum handeln. Verlauf und Ausgang des Kampfes sind jedoch ganz offen: Wird Barbos einfach auf die Wesen zustürmen? Wird Wallhar versuchen, seine Kollegen mit dem Bogen zu unterstützen oder auch in den Nahkampf gehen? Wird Magilia versuchen, das Chaos auszunutzen und zum Pyramideneingang schleichen? Oder wird sie ihren Freunden helfen und magische Blitze auf die Wesen werfen? Und – haben die Gnome noch eine böse Überraschung auf Lager?

All das werden Lara, Marcel, Tim und Vanessa in den folgenden Minuten herausfinden.

Meta-Plot